Gießen

Gießen bezeichnet die kontrollierte Zufuhr von Wasser zu einer Pflanze, um deren lebenswichtige physiologische Prozesse sicherzustellen. Wasser ist für Cannabis fundamental, da es als Transportmittel für Nährstoffe dient, die Zellstabilität (Turgor) aufrechterhält und für die Photosynthese unerlässlich ist. Die korrekte Anwendung der Gießtechnik ist eine der wichtigsten Fähigkeiten im Cannabisanbau. Sowohl eine Unter- als auch eine Überwässerung gehören zu den häufigsten Fehlern, die insbesondere bei Anfängern zu erheblichen Problemen wie Nährstoffmängeln, Wurzelfäule und gehemmtem Wachstum führen können.

Inhaltsverzeichnis

Warum das richtige Gießen so entscheidend ist

Die Wurzeln einer Cannabispflanze haben zwei Hauptaufgaben: die Aufnahme von Wasser und Nährstoffen sowie die Atmung, also die Aufnahme von Sauerstoff. Ein optimaler Gießzyklus stellt sicher, dass beide Funktionen erfüllt werden. Ein konstant durchnässtes Substrat verdrängt den Sauerstoff aus der Erde, was die Wurzeln buchstäblich ersticken lässt und ideale Bedingungen für anaerobe Bakterien und Pilze schafft, die Wurzelfäule verursachen. Ein zu trockenes Substrat hingegen stoppt die Nährstoffaufnahme und führt zum Welken der Pflanze. Das Ziel ist es daher, einen ausgewogenen Nass-Trocken-Zyklus zu etablieren, der den Wurzeln Phasen der Feuchtigkeit zur Wasseraufnahme und Phasen der Trockenheit zur Sauerstoffaufnahme bietet.

Wann ist der richtige Zeitpunkt zum Gießen?

Anstatt einem starren Zeitplan zu folgen („alle zwei Tage gießen“), ist es entscheidend, den tatsächlichen Wasserbedarf der Pflanze zu ermitteln. Dieser hängt von vielen Faktoren ab, wie der Pflanzengröße, der Topfgröße, der Temperatur, der Luftfeuchtigkeit und dem Entwicklungsstadium. Es gibt mehrere zuverlässige Methoden, um den richtigen Gießzeitpunkt zu bestimmen.

Die Gewichtsmethode

Die zuverlässigste Methode ist das Anheben des Topfes. Ein Topf mit trockenem Substrat ist signifikant leichter als einer mit feuchtem. Mit etwas Übung entwickelt man schnell ein Gefühl dafür, wie sich ein „leichter“, gießbereiter Topf im Vergleich zu einem frisch gegossenen, „schweren“ Topf anfühlt. Es empfiehlt sich, zu Beginn einen Referenztopf mit trockener Erde und einen mit frisch gegossener Erde zu haben, um den Gewichtsunterschied zu lernen.

Die Fingermethode

Eine einfache und weit verbreitete Methode ist der Fingertest. Man steckt einen Finger etwa 3-5 Zentimeter tief in das Substrat. Fühlt sich die Erde in dieser Tiefe noch feucht an, ist kein Gießen notwendig. Fühlt sie sich hingegen trocken an, ist es Zeit zu wässern.

Visuelle Indikatoren der Pflanze

Eine Pflanze zeigt Wassermangel durch herabhängende, schlaffe Blätter an. Dieses Welken ist ein klares Zeichen, dass gegossen werden muss. Man sollte sich jedoch nicht ausschließlich auf diesen Indikator verlassen, da er bereits ein Stresssymptom darstellt. Zudem können herabhängende Blätter paradoxerweise auch ein Zeichen für Überwässerung sein, was diese Methode für Anfänger trügerisch macht.

Wie viel Wasser benötigt eine Pflanze?

Beim Gießen gilt der Grundsatz: selten, aber dafür gründlich. Statt täglich kleine Mengen Wasser zu geben, was nur die oberste Erdschicht befeuchtet und zu flachem Wurzelwachstum führt, sollte der gesamte Wurzelballen vollständig durchfeuchtet werden.

Eine bewährte Technik ist das Gießen, bis etwa 10-20% des Wassers unten aus den Drainagelöchern des Topfes wieder austreten. Dieser sogenannte Drain-to-Waste oder Runoff stellt sicher, dass das gesamte Substrat gesättigt ist und gleichzeitig überschüssige Nährstoffsalze aus dem Wurzelbereich gespült werden, was einer Versalzung des Bodens vorbeugt. Als grobe Faustregel kann man von einer Wassermenge von etwa 25-33% des Topfvolumens ausgehen.

Die richtige Technik und Wasserqualität

Die Art und Weise, wie das Wasser verabreicht wird, sowie seine Qualität sind ebenfalls von Bedeutung.

  • Technik: Das Wasser sollte langsam und gleichmäßig um den Stamm der Pflanze herum auf das Substrat gegossen werden, um die Bildung von Kanälen in der Erde zu vermeiden. Es ist ratsam, das Befeuchten von Blättern und Blüten zu vermeiden, um das Risiko von Pilzkrankheiten und Verbrennungen durch den Linseneffekt der Wassertropfen bei Sonnenschein zu minimieren.
  • Zeitpunkt: Der beste Zeitpunkt zum Gießen ist am frühen Morgen. Dies gibt der Pflanze den ganzen Tag über Zeit, das Wasser aufzunehmen und zu verarbeiten. Gießen in der prallen Mittagssonne kann zu Stress führen, während abendliches Gießen die Feuchtigkeit über Nacht im Substrat hält und Pilzbefall begünstigen kann.
  • Wasserqualität: Die Wassertemperatur sollte lauwarm sein (ca. 20-22 °C), da eiskaltes Wasser die Wurzeln schocken kann. Leitungswasser ist in der Regel geeignet. Es ist jedoch ratsam, den pH-Wert zu kontrollieren und gegebenenfalls auf den optimalen Bereich für Erde (6,0-7,0) einzustellen, um eine perfekte Nährstoffaufnahme zu gewährleisten.

Über- und Unterwässerung erkennen

Das richtige Deuten der Symptome ist entscheidend für die Korrektur von Gießfehlern.

Anzeichen für Überwässerung

  • Die Blätter hängen schlaff herab, fühlen sich aber fest und prall an („Krallenbildung“).
  • Die Blätter vergilben von unten nach oben.
  • Das Wachstum der Pflanze stagniert.
  • Die Erde ist permanent nass und riecht eventuell modrig, ein Zeichen für Wurzelfäule.

Anzeichen für Unterwässerung

  • Die gesamte Pflanze welkt und die Blätter hängen schlaff und leblos herab.
  • Die Blätter fühlen sich trocken und papierartig an.
  • Das Substrat ist bis in tiefere Schichten ausgetrocknet.
  • Die Pflanze erholt sich in der Regel schnell (innerhalb von Stunden) nach dem Gießen.

Siehe auch